Interview mit Martin Bünk Gründer der inklusiven Hotelbewegung

Interview mit Martin Bünk Gründer der inklusiven Hotelbewegung

Als Gast willkommen – als Mensch erwünscht!

Unter diesem Motto steht die Mission von Martin Bünk. Er ist einer der Gründer der inklusiven Hotel Bewegung. Als Diplom-Betriebswirt der Hotellerie hat er seit 2003 mehrere Inklusionshotels aufgebaut und geleitet. In dieser Zeit hat er auch den Verbund der Embrace-Hotels mitgegründet. Seit 2015 begleitet er mit inc’otels Sozialverbände, Politik und Investoren als Fachpartner bei der Gründung und Entwicklung von Inklusionshotels.

Schon nach den ersten Sätzen am Telefon hat Martin mich mit seiner herzlichen Art über seine Arbeit zu sprechen  inspiriert. Umso mehr freut es mich ihn heute im Interview zu haben. 

Martin, 

Was bedeutet Inklusion in Bezug auf deine Arbeit? 

Das Stichwort ist „Zugehörigkeit“. Der Mensch ist ein durch und durch soziales Wesen. Wir brauchen zum Leben Anerkennung und das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Die Idee der Inklusion ist es, dass Menschen mit Behinderung individueller und selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden. Wenn sie in Sonderwelten arbeiten und wohnen, gehören sie nicht dazu. Für die Inklusionshotels bedeutet das: auch die behinderten Mitarbeiter bekommen richtige Arbeitsverträge und natürlich auch richtige Aufgaben. Sie arbeiten je nach individueller Möglichkeit in allen Bereichen. Es ist bei uns z.B. normal, dass du von einem Menschen mit Down-Syndrom beim Frühstück bedient wirst. Das ist gerade in den Hotels das Spannende, dass dort tagtäglich viel Begegnung stattfindet und auch nicht behinderte Menschen ihre Unsicherheit verlieren. Ich glaube, dass wir durch diese Alltäglichkeit einen guten Beitrag im Sinne der Inklusion leisten.

Du hast 2003 mit dem Aufbau der ersten Inklusionshotels angefangen. Was waren deine Beweggründe? 

Ich vermute, das liegt an meinem Elternhaus und den Werten, mit denen ich aufgewachsen bin. Menschen mit Behinderung waren nichts Ungewöhnliches in unserem Haus. Meine drei Geschwister haben soziale Berufe ergriffen und ich war der einzige, der was anderes gemacht hat. Als ich später eine Anzeige der Lebenshilfe für ein Gästehaus gesehen habe, fand ich das spannend. Wir haben dann eins der ersten Inklusionshotels draus gemacht.

Heute bekommst du Unterstützung vom Inklusionsamt und Aktion Mensch. Wie war der Weg dorthin? 

Das war damals noch relativ neu, die Novellierung des SGB IX lag erst zwei Jahre zurück. Sie war die Grundlage und der Startschuss dafür, dass viele Inklusionsbetriebe entstanden sind. Es gibt inzwischen 965 davon in Deutschland mit ca. 30.000 Arbeitsplätzen verteilt auf viele Branchen. 

Die Unterstützung bekommen die Hotelbetreiber. Sie sind es ja, die die Menschen mit Behinderung beschäftigen. Das sind meist Sozialverbände wie Caritas, Diakonie, Lebenshilfe – und manchmal auch Elternvereine. Das Inklusionsamt fördert die Betriebe mit Mitteln aus der Ausgleichsabgabe –  das ist das Geld, das die Betriebe als Ausgleich zahlen, wenn sie keine behinderten Menschen beschäftigen. Das geht allen Inklusionsbetrieben so. Die gesetzliche Grundlage dafür steht in SGB IX.

Aktion Mensch ist was anderes. Das ist eine Stiftung, die sich sehr stark für Inklusion, vor allem für das Thema Arbeit, engagiert. 

Welche Herausforderungen hast du unter Anbetracht des wirtschaftlichen Aspektes wenn über 40% der Mitarbeiter mit einer (geistigen) Behinderung angestellt sind? 

Inklusionshotels sind Wirtschaftsbetriebe. Sie sind am Markt tätig wie andere Hotels auch. Wir müssen also die Hotels so planen, dass sie als herkömmliche Hotels am Markt bestehen würden. Dazu gehört auch, dass wir Dienstleistungen vermeiden, die wir nicht so gut können. Alternativ können wir die Besetzung entsprechend steuern. Es ist tatsächlich so, dass wir höhere Personalkosten haben als herkömmliche Hotels. Da die meisten Inklusionshotels bisher als gemeinnützige Betriebe geführt werden, ist der betriebswirtschaftliche Druck nicht so groß. Es ist eher so, dass es die ursprüngliche Idee ist, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen. 

Grundsätzlich kommen die Gäste nicht zu uns, um Menschen mit Behinderung bei der Arbeit zuzusehen, sondern weil sie ein Hotelzimmer brauchen oder zum Beispiel eine Tagung durchführen wollen. Wir müssen also Hotels entwickeln, von denen ich als Hotelier sage: Mit dem Konzept kann das an dem Standort funktionieren. Das Hotel starten wir dann mit einem Team, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten. Um das als Inklusionsbetrieb umsetzen zu können, bekommen wir für den Start finanzielle Unterstützung.

Habt ihr eine Methode wie ihr Herausforderungen in der Kommunikation löst? 

In einem der Inklusionshotels gibt es mehrere gehörlose Mitarbeiter. Das bedeutet, dass zumindest in den Meetings ein Gebärdendolmetscher dabei ist. Inzwischen haben einige Mitarbeiter aus Eigeninitiative Gebärdensprache gelernt, so dass es auch in der täglichen Kommunikation zwischen z.B. Empfang und Etage leichter ist. 

Ansonsten ist es schwierig zu standardisieren. Menschen mit Behinderung sind so individuell wie alle Menschen. Ich finde eine Kategorisierung in Bezug auf die Arbeitsplätze nicht sinnvoll. Wir reden eher von individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Bei den meisten Betrieben werden die Teams von Sozialpädagogen unterstützt und wir entwickeln oft individuelle Lösungen. Kommunikation ist bei vielen Mitarbeitern nicht die Herausforderung, und z.B. für einen Mitarbeiter am Empfang ist es ohnehin Grundvoraussetzung.

Auch in der Führungsebene macht ihr kaum Unterschiede. Bietet ihr nach Bedarf eine besondere Hilfestellung an?

Eine Führungskraft muss natürlich auch in Inklusionshotels die fachlichen und persönlichen Fähigkeiten mitbringen. Im Allgemeinen versuchen wir immer die die Hilfen zu finden, die individuell nötig und sinnvoll sind. So gab es z.B. eine gehörlose Hausdame, wo zu Beginn oft ein Dolmetscher geholfen hat. 

Gibt es einen Moment/ Vorfall der dich persönlich sehr berührt hat? 

Viele. Das ungläubige Staunen, wenn wir einem jungen Menschen, der sich jahrelang von Praktikum zu Praktikum, von Niederlage zu Niederlage gehangelt hat, sagen: wir wollen, dass du bei uns arbeitest.

Was fehlt deiner Meinung nach Gesellschaftlich für mehr Inklusion auf dem Arbeitsmarkt? 

Mut. Und Aufklärung. Ich habe schon viele Menschen kennengelernt, die es sich vorstellen können – aber einfach nicht wissen, wie es geht. 

Erzähl doch ein bisschen nach welchem Verfahren ihr Mitarbeiter aussucht/ einstellt. 

Optimal dafür ist ein vorheriges Schulungs- und Praktikumsverfahren, wie es das Hotel einsmehr in Augsburg gemacht hat. Das wurde in Zusammenarbeit mit den Hotels und Restaurants vor Ort durchgeführt und klassisch ausgeschrieben. Es gab mehr Bewerbungen, als später Stellen zu vergeben waren. Die Teilnehmer hatten so die Gelegenheit, herauszufinden, ob die Arbeit im Hotel das Richtige für sie ist – das Hotel natürlich auch. 

Üblicherweise gehen der Stellenbesetzung längere Praktika voraus, in denen wir die Mitarbeiter in verschiedenen Abteilungen arbeiten lassen, um zu sehen, was das Beste für sie und für uns ist. Wenn es dabei Herausforderungen gibt, überlegen wir erst einmal, wie wir sie bewältigen können. Und wir prüfen gemeinsam, welches Pensum der Kandidat erfüllen kann. Wir sind da sehr offen für Teilzeitlösungen, zumal sie unsere Flexibilität erhöhen.

Welchen Mehrwert bringt Inklusion bzw. die menschliche Vielfalt aus Sicht der Mitarbeiter und aus Sicht des Unternehmens? 

Ich nenne es gerne „menschliche Entschleunigung“. Es entwickelt sich eine andere Art der Zusammenarbeit, als in herkömmlichen Betrieben. Du bekommst von den behinderten Kollegen oft ungefiltertes Feedback. Das führt zu einem anderen Umgang und zu einer Atmosphäre, die sich sogar auf die Gäste auswirkt. Wir bekommen das von den Gästen gespiegelt. Als wir für die Embrace Hotels Logo und Leitbild entwickelt haben, entstand daraus der Claim: „Als Gast willkommen, als Mensch erwünscht“. 

Ob es sich betriebswirtschaftlich auszahlt, lässt sich schwer sagen. Wir können sicherlich den Gästen einen emotionalen Mehrwert bieten, vorausgesetzt, dass die Dienstleitung stimmt. Wir wissen ja, dass es viele Menschen gibt, die sich im täglichen Konsum nach dem ökosozialen Mehrwert richten. Es ist natürlich hilfreich, dass die Inklusionshotels als „Leuchtturmprojekte“ regional eine große Aufmerksamkeit bekommen.

Wenn wir darüber reden, Arbeitsverhältnisse inklusiver zu gestalten, was ist nach deinen Erfahrungen das wichtigste? 

Inklusive Arbeitsverhältnisse finden fast ausschließlich im gemeinnützigen Rahmen statt. Es sollte das Ziel sein, das stärker in die privatwirtschaftlichen Betriebe zu tragen.

Bei der Vielfältigkeit in der Branche geht es oft um den Anteil der Frauen, sexuelle Orientierung oder “people of colour”. Warum wird deiner Meinung nach nicht über Behinderungen gesprochen? 

Das erscheint wie eine andere Welt. Es können sich die wenigsten Menschen vorstellen, dass das mit Menschen mit Behinderung im Hotel überhaupt geht. Der übliche Arbeitsdruck, die schnelle Taktung und der Umgangston sind in der Tat den Anforderungen an einen Inklusionsbetrieb diametral entgegengesetzt. Dazu kommt etwas, was die meisten wenn überhaupt nur hinter vorgehaltener Hand sagen: „Was sollen unsere Gäste dazu sagen?“

Wie können wir als Einzelperson oder Organisationen aktiv dazu beitragen das Bewusstsein dafür zu verändern und voran zu treiben? 

Das, was wir gerade tun: darüber reden und berichten, wie bereichernd das sein kann. 

Ich will Konzepte entwickeln, die die Inklusionshotels vom Rand in die Mitte des Marktes rücken, in die nächste Entwicklungsstufe. Es gibt z.Zt. ca. 50 Inklusionshotels in Deutschland. Die meisten sind sehr klein und haben keine große Erscheinung am Markt. Je mehr bedeutende Hotels wir aufbauen, desto normaler wird es.

A Propos Normalität: Sehr viele junge Leute, die jetzt aus den Schulen in die Arbeitswelt kommen, haben einen entspannteren Zugang, als meine Generation. Durch die vielen inklusiven Kindergärten und Schulen sind die Berührungsängste der nicht behinderten Menschen gar nicht erst aufgebaut worden. 

Mehr Informationen zu Martin und seinen Projekten findet ihr unter www.incotels.com

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