Interview: Abwanderungen von Fachpersonal und der Ruf der Hotelbranche

Seit Jahrzehnten boomt die Hotelbranche.  Am Beispiel von Deutschland kann man sehen wie erfolgreich die Hotelbranche ist. Hotelfachleute sind auf dem Arbeitsmarkt und bei Unternehmen aus verschiedenen Branchen gefragt. Warum ist das so? Wie sind die Anforderungen an Azubis aktuell? 

Riccarda Sailer- Burckhardt ist Abteilungsleiterin im Gastgewerbe an der Bergiusschule in Frankfurt am Main. Im folgenden Interview sprechen wir über das Lehren und Lernen während der Pandemie, Abwanderungen von Fachpersonal und den Ruf des Hotelgewerbes. 

Die letzten zwei Jahre stand das Lehren durch Corona vor Herausforderungen. Wie habt ihr euch und eure Schüler/innen wieder auf das normale Lernen vorbereitet?

Tja, eigentlich sind wir in den letzten Monaten ganz flexibel geworden. Da wir ja regelmäßig zwischen komplettem Lockdown und Online-Unterricht sowie Wechsel Unterricht (eine Hälfte der Klasse wird in Präsenz unterrichtet, die andere Hälfte arbeitet im Selbststudium von zuhause und vice versa) gewechselt sind, können wir aktuell ”fast alles”…  Spaß bei Seite, im Grund haben sich alle – Schüler*innen und Lehrer*innen, wahnsinnig auf etwas mehr Normalität, sprich: Unterricht mit allen im Klassenraum gefreut. Da wir auch in den Wochen vorher schon regelmäßig getestet und Maske getragen haben, war es für uns keine große Herausforderung wieder mit allen in einem Raum zu arbeiten, sondern eine große Freude. Darüber hinaus haben wir versucht, da wo es möglich war, neue, kleinere Klassen zu bilden, um die Klassenräume nicht zu dicht zu belegen.

Wie habt ihr das Lernen während der Pandemie sichergestellt? 

Mit dem ersten Lockdown wurden wir kalt erwischt und mussten schnell versuchen für alle Klassen Email Verteiler anzulegen, wo es noch nicht geschehen war, um die Schüler*innen wenigstens per Email mit Arbeitsblättern und Arbeitsaufträgen und Informationen zu versorgen. Der Austausch war aber sehr einseitig. Die Rückmeldungen zu Arbeitsaufträgen kamen nur sehr schleppend und wir wussten, dass das nicht die Lösung sein kann. Wir haben dann schnell auf Microsoft Teams als Konferenzlösung gesetzt. Und das hat viel besser geklappt. So hatte man die Möglichkeit einen Schultag durch Videokonferenzen abzubilden, Gruppenarbeitsräume einzurichten, und mit Hilfe von anderen Apps wirklich Unterricht zu gestalten. Die nächste große Herausforderung war aber dann, auch alle Schüler*innen mit Hardware zu unterstützen. Viel mehr Schüler*innen als wir geahnt hätten, besitzen zuhause kein eigenes Laptop, Tablett oder einen PC, geschweige denn einen Drucker. Zum Glück wurden wir durch das Land Hessen dann mit Laptops ausgestattet, die wir an unsere Schüler*innen ausleihen konnten. Auch haben viele Betriebe den Berufsschüler*innen ermöglicht, den Unterricht vom Betrieb aus zu verfolgen. Denn auch die Internetleitungen zuhause sind nicht immer ausreichend stark, gerade dann, wenn die gesamte WG oder alle Familienmitglieder von zuhause gearbeitet haben. Durch diese Maßnahmen konnten wir viel intensiver mit den Schüler*innen im Kontakt & im Gespräch bleiben, Sachverhalte erklären & vermitteln, aber auch das Arbeitsverhalten und den Lernfortschritt beurteilen.

 Wie haben sich die Anforderungen an das Lernen in den letzten zwei Jahren verändert?

Ich glaube gar nicht, dass sich die Anforderungen an das Lernen verändert haben. Lernen funktioniert immer noch gleich: Du brauchst eine möglichst entspannte und positive Arbeitsatmosphäre für die Schüler*innen, damit diese auch aufnahmebereit sein können. Man muss versuchen, am Vorwissen und der Lebenswelt der Schüler*innen anzuknüpfen. Und es muss ein gesundes Mittelmaß zwischen Forderung und Förderung im Unterricht bestehen. Das ist jetzt ein bisschen vereinfacht dargestellt, aber fasst doch die wesentlichen Säulen für ein gelingendes Lernen zusammen. Es gibt ein didaktisches Konzept, dass sich ”think-pair-share” nennt und das ich persönlich sehr mag. Es bedeutet, dass man sich immer erst einmal selbst mit etwas auseinandersetzen soll, sich dann mit einem Partner bespricht, und dann die gemeinsamen Ergebnisse und Erkenntnisse mit der Gruppe teilt. Und jetzt müssen wir uns um die Zugänge zu neuem Wissen kümmern. Da haben wir durch Corona im Schnelldurchlauf gelernt, dass wir noch weitere Wege zum Lernen anbieten können, dass wir tolle digitale Werkzeuge haben, die den Zugang zum Wissenserwerb ermöglichen. Jetzt brauchen wir natürlich an allen Schulen WLAN – wir haben Glück und sind seit diesem Sommer damit ausgestattet – brauchen gute digitale Endgeräte in den Schulen und bei den Schüler*innen zuhause. Wir müssen an der digitalen Kompetenz der Lehrkräfte und der Schüler*innen arbeiten. Wir haben gelernt, dass die jungen Menschen uns nicht so sehr voraus sind, wie immer allgemein angenommen wird. Ich finde dabei ist das Wichtigste, dass wir den Schüler*innen vermitteln müssen, wie kann ich mir digitale Technik zu Nutze machen? Wie kann ich meine Kompetenzen gewinnbringend für mich einsetzen? Vielfach verlieren sich die Schüler*innen im digitalen Raum – das müssen wir begleiten und dabei die Schüler*innen stärken. 

Wie wurde die praktische Ausbildung in der Berufsschule während der Corona Zeit durchgeführt. Gab es das überhaupt? 

Im Grunde war die ”Ausbildung” in allen Betrieben durch die politischen Entscheidungen erst einmal auf Eis gelegt, aber die Erfahrungen der Schüler*innen waren trotzdem sehr unterschiedlich. Viele Mitarbeiter waren in Kurzarbeit, so dass kaum Ausbilder im Betrieb verfügbar waren. Auch manche Schüler*innen waren irgendwann in Kurzarbeit oder die Ausbildungsbetriebe hatten geschlossen. So hatten diese Azubis über Wochen wenig Möglichkeiten berufliche Erfahrungen in ihrem Ausbildungsbetrieb zu sammeln. Andere Ausbildungsbetriebe haben ihren Geschäftsbetrieb mit starker Unterstützung durch die Auszubildenden weitergeführt. Das bedeutete für den einzelne Auszubildenden viel Verantwortung – dies kann zu Wachstum führen, aber auch zu Überforderung. Es gab Ausbildungsbetriebe die mit ihren Auszubildenden tolle Trainings und Projekte durchgeführt haben, um die Ausbildung ”am laufen zu halten”, andere waren da weniger aktiv… leider. 

Die Abwanderung von Fachpersonal aus der Hotellerie ist mit 44% verglichen mit anderen Branchen (ca.19%) sehr hoch. Was kann man allgemein tun und was tut ihr um diese Dinge zu verbessern?

Es ist ein ganz großes Drama. Die Corona Politik hat die Hotellerie und die Gastronomie, und damit viele Menschen, unverdientermaßen sehr hart getroffen. Es ist kein Geheimnis, dass die Gehälter, die in der Branche gezahlt werden, nicht irre attraktiv sind. Und wenn einem dann davon auch nur noch ein Bruchteil durch die Kurzarbeit bleibt, dann ist man ja schon fast gezwungen sich eine andere Arbeit zu suchen, vor allem in den Städten. 

Ich denke, man muss an einer Perspektive in der Fläche arbeiten. Es gibt tolle Betriebe mit innovativen Konzepten, aber das überträgt sich in der Attraktivität noch nicht auf die gesamte Branche. Junge Menschen möchten sich etwas aufbauen, sich finanziell gut entwickeln – gerne möchten sie das in der Hotellerie tun, dort wo ihr Herz schlägt, aber es ist hart mit anzusehen, wenn die/der ehemalige Mitschüler*in im Bürojob mit geregelten Arbeitszeiten mehr verdient. Fort- und Weiterbildungen zum Bestandteil der Ausbildung und des Berufs machen und diese auch honorieren. Lange Arbeitszeiten und wechselnde Schichten – spätestens da wird es für junge Eltern mühsam, Familie und Beruf zu vereinbaren. Da muss man auch mal ran und versuchen, flexiblere Arbeitszeitmodelle anzubieten.  Vieles macht die Branche ja auch richtig, es gibt tolle Chancen schnell Verantwortung zu übernehmen, innerhalb einer Kette unterschiedliche Häuser kennenzulernen, Versetzungen ins Ausland uvm. – da können wiederum andere Branchen nur neidisch werden. 

Was tun wir? Wir waren mit an Bord, als die Branche auf uns zukam und sich für ihre Auszubildenden, neben der bewährten dreijährigen Ausbildung,  eine etwas andere Ausbildung gewünscht hat. Gemeinsam haben wir drei Ausbildungsberufe für Abiturienten ”umgestrickt”, nämlich verkürzt und mit einer Zusatzqualifikation angereichert, um eine echte Alternative zum Studium abzubilden. 

Wir bieten jetzt an der Bergiusschule die zweijährigen Ausbildungen ”Hotelfachfrau/mann mit Zusatzqualifikation Hotelmanagement”, ”Köchin/Koch mit Zusatzqualifikation Küchenmanagement” und ”Restaurantfachfrau/-mann mit Zusatzqualifikation Trendgastronomie” an. Damit ermöglichen wir einer weiteren Zielgruppe eine verkürzte Ausbildung, plus das gewisse Extra mit viel Managementwissen, best practices aus der Branche und zusätzlichen Fremdsprachen. 

Es ist bekannt, dass das Hotelgewerbe nicht immer den besten Ruf hat. Was muss man deiner Meinung nach ändern damit das Image besser wird?

Es muss an der Personaldecke gearbeitet werden – die muss dringend aufgestockt werden. Es kann nicht sein, dass ohne einen Azubi im Betrieb nichts läuft. Wenn Schüler*innen morgens zu mir kommen und sagen, „Frau Sailer-Burckhardt, ich glaube, ich krieg’nen Herzinfarkt.“, dann läuft es nicht rund. Zu lange Arbeitstage, zu lange Schichteinteilungen ohne Freitage, nach der Schule noch in den Betrieb, um zu arbeiten, keine Unterweisungen, warum was wie gemacht wird – das sollte es in der Ausbildung nicht geben. Und das liegt meines Erachtens an einer zu dünnen Personalausstattung in vielen Betrieben. Wenn man daran etwas ändern würde, könnten man einen echten Pluspunkt erzielen und den Auszubildenden gegenüber mehr Wertschätzung ausdrücken. Auszubildende sind Multiplikatoren – das darf man nicht vergessen; die tragen in die Welt, was sie in ihrer Ausbildung erlebt haben und auch damit wird ein Branchenimage geschaffen bzw. verfestigt. 

Welche Hauptmerkmale sollten die Schüler/innen von euch für Ihren zukünftigen Berufsweg bekommen und mitnehmen? 

  • Leidenschaft für tolle Lebensmittel, Speisen und Getränke. Sich damit zu beschäftigen und wirklich gut auszukennen macht den Unterschied. Und natürlich die Freude am Verzehr dieser wunderbaren Gaben 😉
  • Weltoffenheit, Respekt und Toleranz im Umgang miteinander. Wir versuchen das in der Schule im Schulalltag zu leben, wir unterstützen es, in dem wir mit den Klassen berufsbezogene Studienfahrten durchführen und Schüler*innen helfen, schon während der Ausbildung Auslandserfahrungen zu sammeln.
  • Aufgaben mit Offenheit und Freude anzugehen. Und so gut wie es einem möglich ist – zu erledigen. Nicht mit halben Sachen zufrieden sein. Nicht aufzugeben, wenn etwas nicht gelungen ist. 

Zukunftssicher & Zukunftsfähig- das ist es was sowohl junge, als auch erfahrene Mitarbeiter brauchen. Raizup hat das Match& Mentor Programm veröffentlicht was genau darauf eingeht. Kickstart ist der 25. Oktober 2021. Jeder der einen Schritt weiter in seiner Entwicklung gehen möchte ist Willkommen. Unsere Mentoren sind alle Experten innerhalb der Branche die selber mal am Anfang standen und wissen was es braucht um weiter zu kommen. Für mehr Informationen und die Registrierung schaut gerne unter 

MATCH&MENTOR Program by RaizUp

Informationen zu der Bergiusschule und die verschiedenen Lehrgänge findet ihr unter http://bergiusschule.de/  

 

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