Inklusion Hotel einsmehr – Interview mit Sandra Huerga-Kanzler

In Augsburg befindet sich das Inklusionshotel “einsmehr” indem etwa die Hälfte der Belegschaft Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten. Träger ist “einsmehr” – die Initiative Down-Syndrom für Augsburg und Umgebung. Der Verein will mit diesem Projekt Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit einer (geistigen) Behinderung schaffen. Sandra Huerga- Kanzler ist Stellvertretende Direktorin des Hauses und gibt uns im Interview Einblicke darüber, wie der Alltag aussieht, was wirklich hinter gewissen Vorurteilen steckt und was Teilhabe für sie bedeutet.

Sandra, du bist seit über 20 Jahren in der Hotellerie tätig und leitest seit 2020 das Hotel einsmehr. Ihr seid eins der tollen Beispiele dafür wie Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen geht.

Welche Herausforderungen siehst du bei der Jobsuche für Menschen mit Beeinträchtigungen? Müssen neue Mitarbeiter gewisse Kriterien erfüllen?

Die Herausforderung für Menschen mit (geistiger) Beeinträchtigung einen Job zu finden ist, dass sie oftmals keine Zeugnisse vorweisen können, keine Ausbildung. Sie haben meist viele Praktika aber keine Ausbildung mit der sie belegen können, dass sie eine bestimmte Arbeit leisten können. Auch traut man ihnen vieles nicht zu je nach Grad der Beeinträchtigung. Und sie haben mit allerlei Vorurteilen zu kämpfen. Andere Menschen mit Beeinträchtigung haben es schwer Arbeitgeber zu überzeugen gerade wegen vieler Vorurteile und einer gewissen Berührungsangst. Unsere Mitarbeiter haben alle ein Praktikum sowie ein berufliches Qualifizierungsprogramm durchlaufen welches 4 Monate dauert. Dort werden Grundlagen erlernt wie Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer, fachspezifische Themen wie HACCP und Gästebetreuung u.s.w. Ein Kriterium welches erfüllt werden muss ist, dass der Weg zur Arbeit selbstständig bewältigt werden kann und die Bewerber Arbeit und Arbeitsprozesse verstehen können sowie Teamfähig und kooperativ sind. Vor allem sollten die Bewerber aber Spaß an einer Mitarbeit in unserer Branche haben. 

Habt ihr eine bestimmte Methode, um die Fähigkeiten und Talente eurer Mitarbeiter zu fördern?  

Es ist keine bestimmte Methode sondern wir fördern und fordern! Es ist wichtig Aufgaben zu geben auch wenn sie einmal eine Nummer zu groß erscheinen. Wenn diese Aufgabe im Team oder mit kleiner Hilfestellung zu bewältigen ist und das Ziel erreicht wurde ist der Mitarbeiter schon ein kleines Stück gewachsen an der Aufgabe und wird diese immer besser machen beim nächsten Mal. Unterstützung ist wichtig aber nicht eine 1:1 Betreuung. Wir begleiten in selbständige Arbeit. Die Methode ist fördern, fordern, offen zu Verbesserndes ansprechen und Probleme immer gemeinsam im Team lösen mit Empathie, Humor, dem nötigen Ernst bei der Sache aber auch Konsequenzen wie für alle Mitarbeiter. 

In welchen Bereichen bedarf es nach Deinen Erfahrungen mehr Unterstützung und Aufklärung?  

In den Bereichen Vorurteile abbauen wie zum Bsp.: Menschen mit Beeinträchtigung sind oft krank und unkündbar, haben viel mehr Urlaub, können nicht alleine arbeiten u.v.m. Es gibt zum Thema bereits sehr gute Fachliteratur aber mit dieser beschäftigen sich die wenigsten Arbeitgeber weil es in der Tat viel Arbeit, Geduld und Kraft kostet  – je nach Grad der Beeinträchtigung – das neue Teammitglied zu integrieren. Aber es lohnt sich. Wie bei jedem Mitarbeiter, Azubi oder Führungskraft welche man ins Unternehmen hinzu holt. Und nicht nur der Mitarbeiter mit beeinträchtigung wird integriert, sondern auch alle “ohne” Beeinträchtigung die sich noch nie mit dem Thema Inklusion zuvor beschäftigt haben. 

Für dich ist Inklusion ein alltäglicher Teil deiner Arbeit und deiner Umwelt. Wie nimmst du es außerhalb des Hotels wahr? 

Ausserhalb des Hotels treffe ich leider wenig bis keine Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Oft halten sich diese in ihrem Kreis auf, das heisst in der Werkstattgruppe, Förderschule, zu Hause….. das ist sehr schade und viele Menschen verpassen diesen Teil unserer bunten Welt. Andere Menschen mit Beeinträchtigung trifft man häufiger im Alltag, wie zum Beispiel Rollstuhlfahrer. Leider werden diese aber an vielen Aktivitäten im Alltag ausgeschlossen da wir noch weit entfernt von einer barrierefreien Welt leben in der gleichberechtigte Teilhabe eine Selbstverständlichkeit ist. 

Ihr macht innerhalb eures Teams keine Unterschiede zwischen „Gesund“oder „Beeinträchtigt“. Wie war der Weg dahin, dass ihr jedem das Gefühl von „Eins sein“geben könnt?  

“Gesund” ist relativ – nennen wir es lieber “offiziell nicht beeinträchtigt” – denn jeder von uns hat ein Päckchen zu tragen. Ob es Migräne, Rücken, Depressionen oder Allergien sind – ich kenne wenig “Gesunde” ;- ) Der Weg dahin war einfach, denn wir treten immer gemeinsam als Team vor den Gast – der Gast hat keine Chance zu unterscheiden und tut es auch tatsächlich nicht. Falls wir mal einen Gast haben der nach einem Mitarbeiter ohne Beeinträchtigung sucht, ermuntern wir ihn zu dem Kollegen / der Kollegin mit Beeinträchtigung zu gehen. Und siehe da – er hat dann meist seinen perfekten Gastgeber gefunden. 

Gerade im operativen Bereich läuft nicht immer alles planmässig. Sollte es mal Situationen geben, in denen ihr Kritikpunkte ansprechen müsst, seid ihr da vorsichtiger in eurer Ausdrucksweise oder meinst du das es ein Vorurteil ist Menschen mit Beeinträchtigungen sanfter bzw. anders behandeln zu müssen.

Das ist in meinen Augen auf jeden Fall ein Vorurteil. Inklusion bedeutet “gleich”. Aufgrund der Beeinträchtigung (zum Beispiel geistig) kann es sein dass man eine einfache Sprache verwendet aber auf keinen Fall einen anderen TextINHALT. Wir sind nicht vorsichtiger in unserer Ausdrucksweise aber manchmal dauern die Gespräche etwas länger weil wir sie ausführlicher führen damit auch alle Punkte klar sind. Wir bereiten Menschen darauf vor, auch in Zukunft auf dem ersten Arbeitsmarkt zurecht zu kommen. Da dürfen wir keine Unterschiede machen. 

Inklusion im Unternehmen- Was schreckt deiner Meinung nach ab und was braucht es um Berührungsängste zu verringern? 

Die oben genannten Vorurteile schrecken ab und schaffen Ängste. Es braucht die Möglichkeit, dass Arbeitgeber sich konkret Arbeitsplätze ansehen, mit Mitarbeitern mit Beeinträchtigung sprechen, sich austauschen, Einblicke gewinnen und sich davon überzeugen können dass in dieser “Zielgruppe” viel Potenzial steckt. Berührungsängste kann man nur mit Begegnung abbauen. 

Welche Vorteile hat eine inklusive Arbeitswelt? 

Es tut jedem Team gut, Vielfalt zu erleben und Barrieren abzubauen. Das Team ist einfühlsamer geworden als in vorherigen Jobs (nach eigener Aussage unseres Teams), empathischer. Die Arbeit wird genauer und effizienter erledigt weil man in der Arbeit mit Menschen mit zum Beispiel geistiger Beeinträchtigungen klare Strukturen im Arbeitsalltag schaffen muss. Diese klare Struktur gilt dann für alle und erleichtert allen die Arbeit. Ich bin aus eigener Erfahrung davon überzeugt, dass es in einem Inklusiven Team weniger Fluktuation gibt, sich Mitarbeiter loyaler gegenüber ihren Arbeitgebern und KollegInnen verhalten und eine stärkere emotionale Bindung an das Unternehmen haben. 

Im Bezug auf die Hotels in denen du früher gearbeitet hast- Wo liegen im Arbeitsalltag die grössten Unterschiede? Gibt es überhaupt welche? 

Man investiert auf jeden Fall mehr Zeit. Diese lohnt sich aber und man bekommt den Invest auf jeden Fall zurück – auch wenn es an manchen Tagen, gerade wenn wir sehr viele Gäste haben, auch Kraft und Energie bedarf. Man muss sich das vorstellen wie mit Azubis die eben teilweise etwas mehr Zeit brauchen. Auch hat man öfter mit den gesetzlichen Betreuern zu tun, was auch mal die Eltern sein können. Man hinterfragt auch viel öfter als in anderen Häusern die eigenen Arbeitsschritte: Kann man das verbessern? Ist das effizient? u.s.w. Wir lachen viel miteinander, hören einander genauer zu, achten intensive auf KollegInnen (Mimik/ Gestik / Körpersprache), respektieren die Meinungen anderer. Das überträgt sich auch auf die Arbeit aller Mitarbeiter mit unseren Gästen als Gastgeber. 

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