Ein persönlicher beitrag zu vielfalt, LGBTQ+ und persönlichkeit

Ein Denkanstoß - Oliver Hartmann

Ein Denkanstoß

Ich erinnere mich noch genau an mein Coming Out, als wäre es erst gestern gewesen. Die Achterbahnfahrt voller Emotionen und die Freude, endlich meine sexuelle Identität akzeptiert zu haben bis hin zur Angst, Angst vor der Selbstreflektion und Angst vor der Reaktion meiner Mitmenschen.

Einer der wichtigsten Erkenntnisse, die ich durch diesen Prozess gewinnen konnte, ist, dass jeder Mensch solch eine emotionale Achterbahnfahrt durchlebt. Denn solch eine Entwicklung stellt nichts weiter als ein Prozess der Selbstverwirklichung, der unverzichtbaren Selbstreflektion dar. Ein wesentlicher Unterschied besteht lediglich darin, dass die unvermeidbare Konfrontation in Bezug auf die eigene sexuelle Identität, welches vom Standardbild des Umfelds abweicht, im frühen Alter beginnt und man dadurch bereits sehr früh in den Genuss der Selbstreflektion kommt. Und das ist keineswegs ein Nachteil, ganz im Gegenteil! Das ist ein großartiger Vorteil, denn einen Prozess der Selbstreflektion zu durchleben, was ausschlaggebend für eine wahre Persönlichkeitsentfaltung ist, ist nun mal keine Selbstverständlichkeit.

Ich denke, das muss sich jeder Mensch vor Augen halten. Das, und die Tatsache, dass Angst ein schlechter Lehrmeister ist.

Natürlich ist diese Angst zum Teil auch berechtigt. Immerhin leben wir in einer Gesellschaft, die bei weitem nicht da ist, wo sie sein sollte, denn das Lernen aus der Vergangenheit gehört leider nicht zu unseren Stärken. Wir haben nun mal die Tendenz zu vergessen und rückfällig zu werden. Wenn ich allein daran denke, in wie vielen Staaten homosexuelle Handlungen immer noch strafbar sind oder wo sogar die Todesstrafe verhängt werden kann, dann bereitet mir das große Sorgen. Ich bin auch immer noch fassungslos, dass es erst 31 Jahre her ist, dass Homosexualität nicht mehr als Krankheit, auch nicht als mentale Krankheit, durch die Weltgesundheitsorganisation eingestuft wurde.

Auch Deutschland gehört mit seinem Platz 16 von 49 LGBTQ+ freundlichen Ländern nicht zum Spitzenreiter und hierzulande fehlen noch einige wichtige Gesetze, beispielsweise für Transgender. Es gibt nach wie vor viele Gebiete in Deutschland in denen Transphobie, Homophobie, vor allem aber Hass überwiegen. Diskriminierungen in Bezug auf die sexuelle Identität sind für viele Menschen Alltag. Das Resultat: Menschen die versteckt und in Angst leben, weil sie sich nicht an die von der Gesellschaft kreierten Norm halten können und eventuell sogar an der Einsamkeit zerbrechen.

Eines möchte ich in dieser Hinsicht klarstellen: nur weil Abweichungen von dem durch die Gesellschaft geschaffenen Standardbilds der Sexualität von einer Minderheit gelebt wird, heißt das noch lange nicht, dass diese Abweichungen nicht normal sind.

Zudem sollten wir überlegen ob wir folgende Fragen überhaupt stellen müssen: Welches Geschlecht habe ich? Bin ich homosexuell? Oder doch transgender? Oder vielleicht doch heterosexuell? Hier möchte ich nur sagen; die Antwort gibt es schon, denn Ihr seid Menschen. Solche Segmentierung stellt nichts weiter dar als eine überflüssige Schubladeneinteilung, sprich Social Labelling.

Deswegen sehe ich solche Segmentierungen sehr kritisch und versuche soweit es geht, darauf zu verzichten. Ich bin keine farbige männliche LGBTQ+ Person, sondern einzig und allein ein Mensch. Und solange ich automatisch in dieses LGBTQ+ Raster falle, werde ich mich immer fühlen, als wäre ich nur Teil einer Diversity-Checkliste. Unter wahrer Menschlichkeit, unter wahrem Menschsein, verstehe ich etwas anderes. Denn Menschsein ist das Einzige was der Norm entsprechen sollte und dazu gehören nun mal die vielseitigen und spannenden Sexualitäten. Menschsein ist die einzige Selbstverständlichkeit. Es geht also nicht um die Diskriminierung von LGBTQ+ oder Trans/Homophobie, sondern um die Achtung der Menschenrechte für alle.

Im Laufe meines Lebens habe ich gelernt mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Meine Freunde, meine Familie und mein Mann haben mir dabei geholfen diesen Prozess der Selbstreflektion positiv aufzunehmen und mich selbst so zu lieben, wie ich bin. Wie soll man denn sonst jemanden lieben, wenn man sich selbst nicht liebt. Habe ich recht?

Schlagfertigkeit und Humor haben dazu beigetragen, meine Ängste abzubauen. Ja, auch ich habe noch Ängste bezüglich meiner sexuellen Identität. Ängste wie: Werde ich als Mann ernst genommen? Wirke ich zu feminin? Kann ich hier mit meinem Mann händchenhaltend spazieren gehen, ohne dass der ein oder andere blöde Kommentar fällt? Kann ich meinem Mann in der Öffentlichkeit Zuneigung zeigen ohne Gay Bashing erleben zu müssen? – solche Ängste begleiten auch mich heute noch im Alltag.

Das Kopfkino lebt nach wie vor weiter, nach jetzigem Stand der Gesellschaft und nach eigenen Erlebnissen durchaus begründet, aber aus Sicht der Menschlichkeit völlig überflüssig.

In diesem Sinne möchte ich jedem Leser folgendes mitgeben:

Ihr habt eure eigene Hauptrolle in eurem eigenen Oscar-reifen Film. Allein Ihr entscheidet welche eure Mitmenschen es verdienen die mini Komparsenrollen, die lustigen Nebenrollen oder die abenteuereichen Stuntrollen zu bekommen. Wer neben euch in den weiteren spannenden Hauptrollen erstrahlen soll, entscheidet auch Ihr. Sollte es Mitmenschen geben, die nicht in eurem Film passen, dann bedankt euch bei Ihnen herzlichst für das Casting und wünscht den Menschen alles Gute.

Genießt euer Coming Out, genießt euren Film voller Liebe, Freude, Schmerz, Zweifel. Voller Menschlichkeit.

Wir haben alle unser Päckchen zu tragen und machen uns viel zu viele Gedanken darüber was andere über uns denken. Dabei könnte diese Energie viel sinnvoller genutzt werden, indem man jeden Tag kostbare Werte wie Freundlichkeit und Mitgefühl lebt und schätzt.

Kein Mensch sollte über einen anderen Menschen und seiner sexuellen Identität urteilen dürfen oder ihm vorschreiben was richtig oder normal oder sogar gesellschaftsfähig sei, denn wir sind alle Menschen. Keinem Menschen steht dieses Recht zu.

Das Einzige was uns als einzelne Menschen ausmacht ist unsere Vielzahl an sehr bunten und farbenfrohen Persönlichkeiten. Mehr nicht.

Oliver Hartmann

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Responses

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  1. sehr gut u einfühlsam beschrieben — freue mich schon auf weitere Blogs zum Thema! 👍🏻🏳️‍🌈🦩🥳🎉